Berufsbildung endet in den meisten Ländern spätestens an der Landesgrenze, wenn nicht schon an der Bezirksgrenze. Aber über die Grenze zu schauen, ist heute unvermeidlich. Dies ist nicht nur als Selbstzweck der Forschung zu verstehen. Vielmehr ist es eine Reaktion auf die Globalisierung und die Migration. Unternehmen expandieren über Landesgrenzen hinaus und Arbeitnehmende arbeiten immer häufiger an anderen Orten als sie ausgebildet wurden. Eine internationale Standardisierung von Abschlüssen und Kompetenzen tut Not.
Der EHB-Tag ist eine wissenschaftlich basierte und praxisorientierte Austauschplattform, wo alljährlich aktuelle Themen der Berufsbildung vorgestellt und diskutiert werden. Dieses Jahr fand der Anlass am 9. und 10. September in Lugano zum Thema „Berufsbildung im internationalen Kontext“ statt. Das EHB bot den mehr als achtzig Teilnehmenden aus Berufsbildung, Politik und Wirtschaft ein aktuelles Programm mit internationalen Expertinnen und Experten.
Für den akademischem Bildungsweg wurden dank der Bologna-Reform in den letzten Jahrzehnten grosse Fortschritte in Richtung Internationalisierung gemacht. Im Gegensatz dazu steht die Berufsbildung am Anfang der Entwicklung. Der Präsident des EHB-Rats, Professor Dr. Stefan Wolter, stellte in seiner Begrüssungsansprache die Problematik der länderübergreifenden Berufsbildung kurz vor:
- Fehlende Standards: Es gibt keinen international festgelegten Standard für Berufsbildung und so wird selten Gleiches mit Gleichem verglichen. Unterschiedliche Systeme: Nur wenige Länder kennen die duale Berufsbildung; und diese gibt es in unzähligen Ausprägungen.
- Terminologische Unklarheiten: Gleiche Ausdrücke haben unterschiedlichen Inhalt (z.B. „apprentissage“ und „apprenticeship“ ist nicht identisch in der Bedeutung)
- Einflussfaktoren: Institutionen, die ausserhalb des klassischen Bildungssystems stehen, beeinflussen die Berufsbildung (z.B. Unternehmen, Sozialpartner, Traditionen etc.)
Die schweizerische Ausprägung der dualen Berufsbildung ist optimal
Durch die Überalterung der europäischen Gesellschaft wird sich der Wettbewerb um Talente verschärfen und ein optimaler Skill mix der Berufsfachleute wird immer entscheidender für die Qualität der Produktion. Die durch die OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) durchgeführte und von Mitautorin Kathrin Hoeckl vorgestellte vergleichende Länderstudie analysiert, inwiefern das Berufsbildungssystem der teilnehmenden Länder die richtige Mischung an Kompetenzen vermittelt und so die Lernenden auf den Arbeitsmarkt vorbereitet. Dabei kam heraus, dass ein duales System für alle Beteiligten Vorteile bringt. Ein zentraler Qualitätsfaktor sind gut ausgebildete Berufsbildungsverantwortliche mit Praxisbezug und pädagogischen Fähigkeiten. Ein weiterer Faktor sind die Sozialpartner, die Teil des Gesamtsystems sein müssen.
Die Studie zum Berufsbildungssystem Schweiz der OECD (www.oecd.org/edu/learningforjobs) beschreibt die Stärken der schweizerischen dualen Berufsbildung::
- Es gibt ein kohärentes System, das legal fundiert ist.
- Die Sozialpartner sind in das System eingebunden.
- Die Berufsbildungsverantwortlichen werden gezielt ausgebildet
- Wer in die Berufsbildung involviert ist, ist professionell darauf vorbereitet worden.
Als Schwächen am schweizerischen System wurden ausgemacht:
- Mangelnde Chancengleichheit für Lehrabbrechende und Frauen
- Gefährdung der Finanzierung in Zeiten der Rezession, das Lehrstellenangebot könnte sich verkleinern.
Berufsbildungsforschung in Europa
Auf europäischer Ebene wurde 1975 auf Initiative der Sozialpartner das CEDEFOP (European Centre for the Development of Vocational Training) gegründet. Die Agentur der EU forscht auf dem Gebiet der Berufsbildung und hat zum Ziel, das Profil der jeweiligen nationalen Berufsbildungen aufzuwerten und Durchlässigkeit, Transparenz und Mobilität zu fördern (Kopenhagen-Prozess).
Die Ökonomin und CEDEFOP-Mitarbeiterin Isabelle Le Mouillour stellte ein Hauptprojekt vor: Die Forschung auf dem Gebiet des EQF (European Qualification Framework), der die Vergleichbarkeit von Abschlüssen zwischen den Ländern ermöglichen soll. CEDEFOP geht der Fragestellung nach, wie Qualifikationen entstehen, welche Bedeutung Qualifikationen und Zertifikate für den Arbeitsmarkt haben und wie sie international anerkannt werden.
Eine andere europäische Forschungsinitiative setzt auf die wissenschaftliche Systematisierung. Professor Dr. Martin Baethge vom Soziologischen Forschungsinstitut Göttingen testet zusammen mit ExpertInnen aus den teilnehmenden Ländern die Machbarkeit eines Berufsbildungs-PISA. Mittels eines Large Scale Assessment für die Berufsbildung (VET-LSA) soll die Leistungsfähigkeit unterschiedlich organisierter berufsspezifischer Ausbildungsprozesse verglichen werden. Die Stärken und Schwächen verschiedener berufsspezifischer Berufsbildungsprogramme werden analysiert, damit Länder voneinander lernen können. Der Schlussbericht der Machbarkeitsstudie wird für Herbst 2009 erwartet.
Anerkennung von Kompetenzen am Beispiel Italien
Professorin Dr. Silvia Cortellazzi, Soziologin an der Università Cattolica del Sacro Cuore Mailand, stellte die konkreten Probleme der Vergleichbarkeit vor. Berufsbildung wird in Italien nicht staatlich gefördert und in der Bevölkerung herrscht die Ansicht, dass sie gegenüber dem akademischen Weg minderwertig ist. Da es in Italien keinen nationalen Standard gibt, ist es den Regionen überlassen, wie sie vorgehen. Die Abschlüsse werden teilweise innerhalb Italiens nur regional anerkannt. Unter anderem deswegen gestaltet sich eine grenzübergreifende Anerkennung der Abschlüsse zwischen dem Tessin und der Lombardei schwierig.
Vorbildfunktion Berufsbildung Schweiz
Die ExpertInnen waren sich einig, dass das Ansehen der Berufsbildung gegenüber dem akademischen Weg gesteigert werden muss. Solche exogenen Faktoren (wie die Tradition eines Landes etc.) sind für das Berufsbildungssystem bedrohlicher als die Entwicklung innerhalb der Berufsbildung selbst. Einigkeit bestand darin, dass das duale System unter Einbezug der Sozialpartner der rein schulischen Ausbildung vorzuziehen sei. Die Arbeitskräfte sollen schon in der Ausbildung mobiler werden, Netzwerke und Plattformen gewinnen an Bedeutung. Dr. Franziska Schwarz, Leiterin Leistungsbereich Internationale Beziehungen beim Bundesamt für Berufsbildung und Technologie (BBT) erläuterte dem Publikum, dass die Schweiz unter den fünf führenden Ländern bei der Definition der Qualifikationsstandards im nicht-akademischen Bereich zu finden ist. Ein Export von Teilen des schweizerischen Berufsbildungssystems ist durchaus denkbar.
Entwicklung der Berufsbildung international und Rolle des EHB
Die anfangs erwähnten vier offenen Punkte müssen weiter erforscht und definiert werden. Dies auch im Hinblick auf die Internationalisierungstendenzen der nationalen Berufsbildungssysteme. Dabei hat das schweizerische System, dank seiner oben erwähnten Qualitäten, gute Chancen, positiv und gewinnbringend eingebracht zu werden.
Das EHB leistet seinen Beitrag zum Berufsbildungsplatz Schweiz auf verschiedenen Ebenen. Es sorgt als Kompetenzzentrum des Bundes gesamtschweizerisch für die hochstehende Aus- und Weiterbildung der Berufsbildungsverantwortlichen. Dies seit Kurzem im Rahmen des Swiss-Indian VET-Projects auch für die Ausbildung von Berufsbildungsverantwortlichen in Indien (siehe auch www.bbt.admin.ch/themen/01051/01071/index.html?lang=de und http://www.sicc.ch/documents/SICC_VET_Mission_2009.pdf ).
Ausserdem bearbeitet das EHB innerhalb des Forschungsschwerpunkts „Systeme der Berufsbildung“ Fragen zu Lehrabbruch und Gleichstellung, es ist aktiv an der Feasibility-Studie von VET-LSA beteiligt und betreibt Lehr- und Forschungskooperationen mit den angrenzenden Ländern.