Studie: Berufsbildung und Allgemeinbildung bereiten gleich gut auf die Berufslaufbahn vor 

20.02.2015 

Erwerbstätige in der Schweiz arbeiten häufig nicht mehr im erlernten Berufsfeld. Trotzdem schätzen Frauen und Männer gemäss der Studie von Annina Eymann und Prof. Dr. Jürg Schweri ihre Qualifikationen zu rund 80 Prozent als adäquat ein. Die Erwerbstätigkeit ausserhalb des erlernten Berufsfeldes führt zudem nicht zu Lohnnachteilen.

Eine zentrale Frage in der öffentlichen Diskussion rund um die Berufsbildung ist, ob die Berufsbildung den Lernenden die notwendigen Kompetenzen mit auf den Weg gibt, um nicht nur kurzfristig, sondern auch mittel- und langfristig im Berufsleben erfolgreich zu bestehen. Dabei wird oft die Vermutung geäussert, dass die Berufsbildung zu eng und spezifisch ausbildet, so dass die Berufsleute im schnell wandelnden Arbeitsmarkt (technologische Entwicklung, Globalisierung, Strukturwandel) nach einiger Zeit über veraltete Qualifikationen verfügen. Personen mit allgemeinbildendem Abschluss seien dagegen breiter gebildet und könnten sich daher rascher neu orientieren und die benötigten, neuen Qualifikationen erwerben.

Die Resultate der EHB IFFP IUFFP-Studie „Horizontal Skills Mismatch and Vocational Education“ von Annina Eymann und Prof. Dr. Jürg Schweri sprechen gegen solche Nachteile der Berufsbildung gegenüber der Allgemeinbildung. Mit den Daten des Schweizerischen Haushaltspanels von 1999 bis 2012 stellen sie fest, dass rund 50 Prozent aller Erwerbstätigen in der Schweiz im Alter zwischen 20 und 60 Jahren nicht mehr im erlernten Berufsfeld arbeiten.

Die Erwerbstätigen wurden auch jährlich dazu befragt, wie sie ihre Qualifikationen im Verhältnis zu den Anforderungen auf ihrer Stelle einschätzen. 80% der Frauen und Männer finden, sie seien adäquat qualifiziert. Rund 15 Prozent bezeichnen sich als überqualifiziert, etwa 2 Prozent als unterqualifiziert. Nur 2 Prozent der Männer und 4 Prozent der Frauen finden, dass ihre aktuelle Tätigkeit kaum einen Bezug zu ihren Qualifikationen aufweise. Bei diesen Personen handelt es sich zu drei Vierteln um Personen, die nicht mehr im erlernten Berufsfeld arbeiten. Der Berufsfeldwechsel kann also dazu führen, dass Qualifikationen und Anforderungen nicht zueinander passen. Aber die überwiegende Mehrheit der Personen, die nicht mehr im erlernten Berufsfeld arbeiten, bezeichnet sich als adäquat qualifiziert. Dies zeigt, dass es den meisten Erwerbstätigen gemäss eigener Einschätzung gelingt, ihre Qualifikationen aktuell zu halten, beispielsweise durch Weiterbildungskurse oder Weiterbildung im Betrieb.

In der Studie werden weiter die Lohnfolgen dieser Phänomene untersucht. Dabei zeigen sich keine Lohnunterschiede zwischen Personen, die noch im erlernten Berufsfeld arbeiten, und solchen, die das Berufsfeld gewechselt haben. Dieses Resultat bestätigt sich sowohl in der Gruppe jener Personen, die eine berufliche Grundbildung als höchste Ausbildung abgeschlossen haben, wie bei jenen, die einen Abschluss der Höheren Berufsbildung oder einen Hochschulabschluss mitbringen. Berufswechsel sind somit auch für Personen mit einem beruflichen Abschluss über die ganze Berufslaufbahn hinweg gesehen im Durchschnitt unproblematisch. Für die raschen Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt scheinen Erwerbstätige in der Schweiz sowohl mit einer Berufsbildung wie einem allgemeinbildenden Abschluss gut gewappnet.

Die Studie zeigt weiter, dass sich für Männer auch dann keine Lohneinbusse ergibt, wenn sie der Meinung sind, ihre Qualifikationen passten nicht zur aktuellen Stelle. Nur bei den Frauen zeigt sich in diesem Fall eine signifikante Lohneinbusse von 3.2 Prozent. Betroffen sind davon vor allem Frauen mit einem Abschluss der höheren Berufsbildung, sowie in zweiter Linie Frauen mit einer beruflichen Grundbildung. Der Umstand, dass sich diese Effekte nur bei den Frauen zeigen, lässt vermuten, dass die Ursachen in der unterschiedlichen Erwerbsbeteiligung und den unterschiedlichen Erwerbsbiografien von Frauen und Männern zu suchen sind.

Horizontal Skills Mismatch and Vocational Education, Discussion Paper (Englisch)

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